Hört auf zu hassen.

Posted on Juni 10, 2013

0


Image… vielleicht könnt ihr euch dann auch selbst besser leiden.

Diskriminierung ist alltäglich. Besonders beliebt ist sie bei Menschen die das „right-planet-syndrom“ haben, Menschen die davon ausgehen dass sie zur richtigen Zeit auf dem richtigen Planeten geboren wurden. Das ist an sich eine schöne Sache, wird aber zum hässlichen Problem wenn sie gleichermaßen der Meinung sind, andere wären nicht zur richtigen Zeit oder auf dem richtigen Planeten oder Land geboren. Und daher irgendwie weniger wert als sie. Das ist zwar scheiße, aber zumindest logisch nachvollziehbar, wenngleich man sich auch nicht im selben Raum wie besagte Personengruppe befinden möchte. Oder auf demselben Planeten.

Oft handelt es sich um mehrfach privilegierte Personen. Das ergibt insofern Sinn, als dass privilegierte Menschen den Luxus haben, selbst nicht wissen zu müssen, dass sie privilegiert sind. Aber wieso fallen dann auch Menschen die Diskriminierung selbst erfahren müssen durch Diskriminierung auf? Warum macht sich der antifaschistische Rapper über Behinderte lustig und benutzt sexistische Beleidigungen für Frauen?

Zuletzt besonders aufgefallen ist mir das bei taz-Journalistin Mely Kiyak. Im Rahmen des Hate-Poetry Events der taz las sie einen Leserbrief vor, in dem der Verfasser ihr gesteht, dass er sich ihr nah fühle und fragt, ob sie nicht – wie er- hin und wieder in psychiatrischer Behandlung wäre. Gelächter. Dass das Vorführen von psychischen Erkrankungen nicht weniger ableistisch ist als die Mehrheit der vorgetragenen Leserbriefe rassistisch, ist in dem Moment irgendwie allen Anwesenden egal, durch den Fokus auf Rassismus treten andere Formen der Diskriminierung  in den Hintergrund.

Zuvor hat Mely Kiyak bereits einen Leserbrief vorgelesen, der einen ihrer Artikel aus Anfangszeiten der Piratenpartei kritisiert. In dem Artikel macht sie sich über das Aussehen von Parteimitgliedern auf einem Foto lustig. “Ich verstehe jetzt auch, warum die Piraten keinen Wahlkampf mit Fotos veranstalten – das Auge wählt schließlich mit.” Der Leserbrief erwähnt das Wort Lookism leider nicht. Nach kurzem Ankündigungs-Geplänkel ein weiterer Tiefschlag: „Wir wählen ja als Frauen vor allem diejenigen, mit denen wir gern mal zusammen eine Kugel Eis schlecken würden“. Das wusste ich als Frau zum Beispiel gar nicht. Panische Angst befällt mich, während ich mir ausmale, mit wem ich im Sommer so Eis essen müsste. Als Person deren Geschlecht andere dazu verleitet anzunehmen, dass sie sich nicht für Politik interessiert, kann ich nicht darüber kichern wenn jemand solche Vorurteile für ein paar Lacher reproduziert.

Das perfide an moderner Diskriminierung ist, dass sie sich in einen Kokon aus Humor gehüllt durch die Gesellschaft schleicht. Niemand möchte als Spaßbremse gelten, und lachen ist so unheimlich schön. Außerdem darf Satire doch alles, oder? Und dass wir uns auf dem Rücken von Menschen amüsieren, die die Auswirkungen von diesen Witzen jeden Tag spüren, können wir uns damit schönreden, dass alle es machen.  Wir legitimieren uns gegenseitig darin, andere niederzumachen, und die fünfte Macht im Staat suggeriert und ebenfalls, dass das völlig in Ordnung so ist.

Diskriminierung ist ein strukturelles Problem. August Bebel war einer der Begründer der organisierten sozialdemokratischen Arbeiterbewegung in Deutschland und wusste sogar schon im späten 19. Jahrhundert: „Zustände, die eine lange Reihe von Generationen dauern, werden schließlich zur Gewohnheit, und Vererbung und Erziehung lassen sie als „naturgemäß“ erscheinen.“ Aufgrund dieser Selbstverständlichkeit leben wir in einer Gesellschaft in der es normal ist, rassistische, sexistische und ableistische Diskriminierung herunter zu spielen. Weil sie alltäglich ist.

Ein weiteres Phänomen welches uns veranlasst, in unserer gemütlichen Käseglocke der Ignoranz zu verweilen, ist die Kognitive Dissonanz. Wir können und wollen es einfach nicht wahrhaben, dass wir strukturelle Diskriminierung mittragen. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein.

Dabei wäre es durchaus machbar, sich als Gesellschaft darauf zu einigen, dass wir nicht mehr aufeinander herumtrampeln. Realität ist nicht statisch, Realität wird erschaffen.  Auch Sprache verletzt, auch dann wenn das niemandes Absicht war. Intent is not magic.

Die terminologische Breite der deutschen Sprache ist so groß, dass für jeden diskriminierenden Begriff ein Ersatz gefunden werden kann. Humor ist so witzig, dass wir auch noch viel zu lachen haben wenn wir das nicht auf Kosten anderer tun. Dann wohnen sicher mehr Menschen gerne auf diesem Planeten.

Advertisements